Debatte: Der Wähler, das unbekannte Wesen

Kennen wir eigentlich unseren Wähler, das unbekannte Wesen, die Black-Box im Wahlkampf?

Der Wähler entscheidet sich bei der Wahl für eine Partei nach dem Herzen einerseits und nach seiner Brieftasche andererseits. Bezogen auf die „Alternative für Deutschland“ wird eine gravierende Strategielücke sichtbar, die es zu schließen gilt:

Nehmen wir zuerst das Herz des Wählers. Er wird sich folgende Fragen stellen: Welche Vision von Deutschland hat die AfD? Wohin will sie mich mitnehmen? Ist diese Vision für mich attraktiv und vorstellbar? Ist diese Vision mit meiner Lebensvision (sofern ich eine habe) kompatibel und habe ich dort meinen Platz? Passen die von der AfD vorgeschlagenen Strategien in die AfD-Vision (raus aus dem Euro ist keine Vision, sondern eine Strategie)?

Obwohl ich in der AfD für meine Forderung nach einer schlüssigen, tragfähigen Vision viel Spott und Hohn eingefahren habe („wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“), bleibe ich bei meiner Forderung und hoffe, dass sie quasi als Krönung des Parteiprogramms so schnell wie möglich formuliert wird.

Kleine Anmerkung dazu: in meinem letzten Vortrag als Bundestags-Direktkandidat München-West/Mitte (inzwischen wurde ich ja von meinen OV-Vorstandskollegen abgeschossen und durch einen politischen Laien ersetzt, der drei Tage später die Brocken hingeworfen hat) habe ich die Zuhörer gebeten, die Augen zu schließen und sich auf ihr inneres Auge zu konzentrieren. Ich habe daraufhin eine Vision für ein Land XY vorgelesen. Auf die anschließende Frage, welches Land denn die Zuhörer beim Hören dieser Vision vor ihrem inneren Auge hatten, kam zu fast 90% die Antwort „Schweiz“. Es folgten Neuseeland, Schweden, Kanada. Deutschland kam dabei, wen wundert es wirklich, nicht vor.

Ich behaupte und bin mir sicher, dass die „Alternative für Deutschland“ wegen des Fehlens einer Vision alles andere erreicht, nur nicht das Herz des Wählers. Mit Strategien kann man keine Herzen erreichen! Ob es ausreicht, lediglich die Wut der Bürger zu fördern und/oder Ängste zu erzeugen, wage ich zu bezweifeln, zumindest kann diese Vorgehensweise nicht nachhaltig sein. Denn wir sollten dringend auch über den September 2013 hinausschauen!

Kommen wir zu zweiten Dimension der Wahlentscheidung, zur Brieftasche. Der Wähler stellt die berechtigte Frage: „Was bedeutet das AfD-Programm für meine Brieftasche, gewinne ich oder muss ich abgeben?“

Auch diese Frage kann die AfD nicht beantworten. Stattdessen beantworten die Blockparteien stellvertretend die Frage einträchtig und Arm in Arm, indem sie finanzielle Horror-Szenarien für den Fall beschreiben, dass die AfD-Forderungen tatsächlich realisiert würden.

Merken Sie was? Die beiden wichtigsten Kriterien für die Wahlentscheidung sind bei der AfD unbesetzt. Ich halte das für einen weiteren schweren strategischen Fehler, und kann nur hoffen, dass hier seitens der Parteiführung schnell gehandelt wird.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Wähler. Ich bin mir sicher, und ich merke es auch in meiner Praxis, dass die Mehrzahl der Bürger Angst haben vor den Folgen der Euro-Krise, die sie meistens noch nicht einmal ansatzweise überschauen können. Aber die Angst ist da. Menschen mit Angst suchen in der Regel nach Stabilität und einem Anker. Und diesen Anker bieten, so paradox es klingt, Merkel und die Blockparteien. Ich vermute sogar, dass die CDU in absehbarer Zeit mit Blick auf die AfD eine Angstkampagne starten wird, um sich dieses Verhaltensmuster zu Nutze machen zu können.

Es ist in der jetzigen Aufstellung schlicht unrealistisch, dass die AfD diese Anker- und Stabilitätsfunktion glaubhaft übernehmen kann. Dazu ist sie einfach zu schwach.

Ich glaube, dass im Moment nur eine Position der AfD dem Bürger glaubhaft vermittelt werden kann, nämlich die Funktion eines Anwalts, der dafür sorgt, dass die unvermeidlichen Lasten aus der Euro-Krise von denjenigen zu tragen sind, die dafür verantwortlich sind und/oder an der klotzig verdient haben, und nicht – wie bisher – einseitig der Bürger und der Mittelstand.

Herzliche Grüße

Jörg Schülke
Beisitzer im OV München-West/Mitte

P.S.: Nur so ganz nebenbei: dieser Beitrag führte zu meiner immer noch fortdauernden Sperrung bei der offiziellen Facebook-Site des Landesverbandes Bayern.

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Ein Gedanke zu „Debatte: Der Wähler, das unbekannte Wesen

  1. Nachtrag zum Thema „Der Wähler, das unbekannte Wesen“

    Warum erreicht die AfD nicht die Herzen der Wähler? Die Antwort auf diese Frage lässt sich auf einen einzigen Punkt reduzieren: weil die AfD kein Herz hat, weil sie eine Maschine ist. Eine Maschine, die bestimmte Funktionen, die wir ja alle sehr gut kennen, zu erfüllen hat, aber sicherlich nur nachrangig die Lösung der wahren Probleme unserer Wähler. Und das merken nicht nur viele Mitglieder, sondern letztlich auch die Wähler.

    Ich habe damals in der Gründungsphase unserer Partei die Metapher vorgetragen, dass wir mit der AfD keine Maschine konstruieren sollten, sondern eine lebende Pflanze großziehen, mit der wir achtsam und pfleglich umgehen, damit sie schön und ansehnlich wird und Früchte trägt. In dieser Metapher sind alle jenen Komponenten enthalten, die eine Maschine nicht braucht, die aber viele von uns in der AfD vermissen: die interne Demokratie, freiheitliches Denken, Partizipation, Wertschätzung, Ermutigung, Visionen, Werte, Achtsamkeit, anständiger Umgang miteinander, Toleranz. Es hat den Anschein, dass die Parteiführung im Sinne von Zahnrädchen und Transmissionsriemen wiederum auch nur die Funktion (Arbeit im Gleichschritt, Spenden, den Vorgaben folgen, keine Fragen stellen), nicht aber die Herzen der Mitglieder gewinnen möchte.

    Wenn man nicht grundlegend umsteuert, wird diese zweifellos leistungsfähige Maschine, und dafür gibt es deutliche Anzeichen, wegen Überlastung und Missbrauch sehr bald kollabieren. Ich möchte alle Mitglieder, die es gut meinen mit unserer Partei, dazu motivieren, ihre durch systematische Ausgrenzung, Diffamierung und Mobbing immer mehr begrenzten Einflussmöglichkeiten zu nutzen, um unser gemeinsames Projekt noch zu retten.

    Jörg Schülke
    Beisitzer im OV München West/Mitte

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