Was ist zu halten von der offiziellen AfD 5-Stufen-Strategie zur Bewältigung der Euro-Krise?
Forderung Nr. 1:
Der Euro sollte geordnet aufgelöst werden, ehe die Spannungen im System so groß werden, dass ein ungeordneter plötzlicher Zusammenbruch erfolgt.
Bewertung:
Motherhood = Binsenweisheit. Dieser grandiosen Forderung würden sogar die Blockparteien zustimmen, wenn die rechtlichen und finanzpolitischen Möglichkeiten zur Verfügung stünden und das Bankensystem diesen Schritt aushalten würde.
Forderung Nr. 2:
Die Auflösung des Euro sollte mit dem Ausscheiden der südeuropäischen Staaten beginnen. Um einen gleitenden Übergang zu ermöglichen, sollte für einige Jahre der Euro und eine neue nationale Währung parallel genutzt werden können.
Bewertung:
Die südeuropäischen Staaten werden den Teufel tun, aus dem Euro auszusteigen, solange sie noch Gelder bekommen und die nordeuropäischen Staaten erpressen können. Und diese Gelder bekommen sie von der EZB (Deutschland hat dort nur eine Stimme) und dem ESM (der von Deutschland nicht gekündigt werden kann). Insofern ist diese Forderung unrealistisch.
Es besteht die Hoffnung, dass das eine oder andere südeuropäische Land tatsächlich freiwillig aus der Euro-Zone aussteigen und zu seiner eigenen Währung zurückkehren wird. Das wäre allerdings verbunden mit einem Hair-Cut. Eine Parallel-Währung ist dafür allerdings nicht zwingend notwendig.
Forderung Nr. 3:
Jeder Staat der Eurozone soll das Recht bekommen, aus dem Euro auszuscheiden. Dafür muss man die Europäischen Verträge ändern. Die Bundesrepublik Deutschland kann diese Vertragsänderung durchsetzen, indem sie eine Finanzierung von neuen ESM-Programmen verweigert.
Bewertung:
Das kann Deutschland eben nicht, da eine Finanzierungsverweigerung durch den ESM nach Artikel 9 des ESM-Vertrages ausgeschlossen und der ESM laut Vertrag unkündbar ist. Da hilft auch die Wiener Vertragsrechtskonvention nichts.
Forderung Nr. 4:
Die Resteurozone muss nach dem Ausscheiden der südeuropäischen Staaten zu kleinen, stabilen Währungsverbünden oder zu nationalen Währungen zurückentwickelt werden. Entscheidend dabei ist, dass es strikt verboten wird, für die Schulden fremder Staaten zu haften. In diesem Fall kann eine kleinere Währungsunion durchaus sinnvoll sein und jedes der verbleibenden Länder soll entscheiden können, ob es an einer solchen Währungsunion teilnehmen will.
Bewertung:
Man will doch nach den schlimmen Erfahrungen mit einer Währungsunion wohl keine „Kleine Währungsunion“ schaffen! Dann liefe man doch Gefahr, mit der kleineren Währungsunion unter Verwendung der alten und unvollständigen Konvergenz-Kriterien erneut in eine Krise zu geraten, weil auch das nicht funktionieren kann. Und wer weiß heute, wie sich die Länder der „Kleinen Währungsunion“ in den nächsten 10 Jahren entwickeln? Und was ist mit Frankreich und Belgien? Außerhalb oder innerhalb der „Kleinen Währungsunion?
Eine Währungsunion (ob groß oder kleine) ohne eine politische Union (wollen wir das?) war falsch, ist falsch und wird immer falsch sein. Wenn, dann wäre nur eine Rückkehr zum alten EWS-System einigermaßen sinnvoll, aber extrem schwierig zu realisieren.
Forderung Nr. 5:
Wenn aber die Partnerstaaten darauf bestehen, dass es bei der Vergemeinschaftung von Schulden bleibt, sollte der Euro vollständig aufgelöst und in Deutschland die DM wieder eingeführt werden. Eine Haftung für die Schulden Frankreichs und Belgiens dürfen wir nicht riskieren. Sie wäre finanziell noch gewaltiger als die für die Schulden Griechenlands oder Portugals.
Bewertung:
Das ist wieder eine Binsenweisheit, der alle Blockparteien zustimmen würden, wenn die rechtlichen und finanzpolitischen Möglichkeiten zur Verfügung stünden und das Bankensystem diesen Schritt aushalten würde.
Wie schon erwähnt: Deutschland kann aus dem ESM nicht aussteigen und muss zahlen, bis kein Geld mehr da ist. Wenn andere Staaten aus dem ESM nicht mehr zahlungsfähig sind, müssen die Verpflichtungen dieser Staaten laut ESM-Vertrag von den Staaten übernommen werden, die noch zahlungsfähig sind. Der letzte Zahlungspflichtige könnte dann Deutschland sein!
Bei einer Rückkehr zur DM wären die von Deutschland gegebenen Kredite und Sicherheiten sowie die Zahlungsbilanzguthaben verloren. Deutschland müsste zudem um 20-30% aufwerten, andere Länder um bis zu 30% abwerten. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Exportfähigkeit Deutschlands, weit über die ehemalige Euro-Zone hinausgehend.
Interessant wäre zu wissen, zu welchem Kurs in Deutschland der alte Euro dann in die neue DM gewechselt wird (Super-Gelegenheit zur Entschuldung des Staates auf Kosten seiner Bürger). Mahlzeit!
Fazit:
- Die AfD-Strategie zur Bewältigung der Euro-Krise ist eine Mischung aus Binsenweisheiten, unrealistischen Forderungen und auch Widersprüchen, auch wenn die Generalrichtung immer noch stimmt (Ausstieg aus der Währungsunion)
- Es fehlt an einer seriösen qualitativen und quantitativen Bewertung der AfD-Strategie, insbesondere der Risiken im Hinblick auf
– Kredite, Bürgschaften, Zahlungsbilanzüberschüsse
– Entwicklungen in Deutschland bezüglich BIP, Wirtschaft, Exportfähigkeit, Arbeitsplätze, Verschuldung, Sozialpolitik etc.
– Außenpolitik
Es ist davon auszugehen, dass die AfD-Strategie schlicht unbezahlbar ist, und zwar sowohl quantitativ als auch qualitativ im Hinblick auf die politischen Kollateralschäden.
- Eine „begleitende“ AfD-Strategie für das wahrscheinlichste Handling der Euro-Krise durch die Blockparteien (Zeit kaufen, weitere Verlagerung von Souveränitätsrechten und Kompetenzen nach Brüssel, weiterer Demokratieverlust, extreme Forcierung der politischen Union) ist nicht vorhanden. Somit fehlen sowohl die Roten Linien als auch ein Plan B.
Jörg Schülke
Vorstandsmitglied AfD München West/Mitte